Sehr deutlich brachte Prof. Dr. Martin Fischer, Vorsitzender der GKF – Gesellschaft für Kynologische Forschung, bei der letzten Mitgliederversammlung zum Ausdruck, dass nur die Einkreuzung der Rassehundezucht aus der Sackgasse zu enger Genpools heraus helfe. Er bedauerte die fehlende Bereitschaft der Rassehundezuchtvereine im VDH offen für solche Projekte zu sein. Hier der entsprechende Abschnitt aus seinem Vorwort zur Info Nr. 62, die sicherlich zeitnah auf der Website der GKF veröffentlicht werden wird:
„Ein besonderes Anliegen der GKF ist es, durch gezielte Förderung im Hinblick auf die Verbesserung der Hundezucht, die weitere Erarbeitung der wissenschaftlichen Grundlage von Einkreuzungsprojekten („outcrossing“) zu fördern. Herr Dr. Bach vom VDH engagiert sich hier besonders. Leider scheitert mancher Versuch an der Hoffnung der Rassezuchtvereine, es ginge immer noch so weiter wie bisher. Auch deshalb haben wir Frau Dr. Diekmann gebeten, einen langen Beitrag zu schreiben, der mit dem programmatischen Zitat von Gustav Heinemann beginnt:
„Wer nichts verändern will, wird auch
das verlieren, was er bewahren möchte.“
Sie finden eine spannende Lektüre der genetischen und sonstigen Voraussetzungen für Einkreuzungsprojekte und an zwei laufenden Projekten auch deren Probleme dargestellt.“
Besonders wertvoll der Hinweis, dass Dr. Bach vom VDH unterstützend zur Verfügung steht und damit solche Projekte vom VDH-Vorstand getragen und gefördert werden und die nötige wissenschaftliche Begleitung gewährleistet ist. Vor Jahren schon hat der Präsident des VDH, Prof. Peter Friedrich, zum Umdenken aufgerufen und sinngemäß gesagt: Entweder die Zielrasse profitiert oder es sind halt ein paar Mischlingshunde mehr in Familien gegangen oder es entsteht eine neue Rasse. SO WHAT???
Die Richterschaft muss sich bewegen
Die meisten Rassen begründen auf einer Vielzahl von Kreuzungen, insbesondere im Leistungsbereich, wo „Schönheit“ keine Rolle spielte. Aus diesen diversen Schlägen wurden die Rassen herauskristallisiert, im Ausstellungswesen „verfeinert“ und durch Inzucht nach Rassestandard vereinheitlicht. Wir sind unseren Vorfahren für ihre Arbeit dankbar und erfreuen uns unserer Hausgenossen. Aber es ist keine Schande, die Rassehundezucht, wie wir sie heute betreiben, neu zu gestalten. Wichtig ist vor allem, die Richterschaft dazu zu bewegen, keine spektakulären Kunstgeschöpfe und missgebildete Hunde – oftmals entgegen dem, was die Rassestandards vorgeben – zu belohnen – wie es bei den Rassebesten im Ehrenring großer Ausstellungen immer noch zu sehen ist.
Da schreibt ein Richter Deutscher Schäferhunde anlässlich des Richtens der großen Siegerzuchtschau: „Nach wie vor bildet der Rassestandard die Grundlage für die Arbeit der Zuchtrichter. Die Entwicklung hin zu übertypisierten Hunden lässt sich nicht von heute auf morgen korrigieren. Über viele Jahre hinweg wurden bestimmte Ausprägungen toleriert oder durch Platzierungen begünstigt. Unser Ziel bleibt es, diese Tendenzen Schritt für Schritt zu korrigieren.“ Dann kommen die Fotos der Sieger… alle wieder vom gleichen Typ mit weit ausgestellter Hinterhand. Ich wundere mich.

Wann immer der Deutsche Schäferhund im Sport und als Familienbegleiter in der Vereinszeitschrift dargestellt wird, halten die grauen Arbeitstypen die Fahne für die Rasse hoch. Aber unter den Schausiegern sind sie nicht zu finden! Kann es sein, dass unter den vielen „Grauen“ kein einziger anatomisch korrekt gebauter, dem Standard entsprechender Hund zu finden ist, an dem ein Richter ein Exempel statuieren und ein deutliches Zeichen setzen könnte? Der übertypisierte Hund schließlich ist es, der dem Ansehen der Rasse schadet und das Augenmerk der Tierschützer auf sich zieht. Erfahrungsgemäß reagieren Züchter recht prompt, wenn ein bestimmter „Typ“ mit Erfolg belohnt wird. Das gilt nicht nur für den Deutschen Schäferhund.
Der Rassehund hat nicht mehr den Stellenwert wie früher
Dass der heutige Hundekäufer den Rassehund nicht mehr als Prestigeobjekt wie noch in meiner Jugend betrachtet, sondern eine Rassezugehörigkeit nur noch schätzt, weil die Eigenschaften vorhersehbarer sind, zeigt ja der drastische Rückgang der Eintragungsziffern aller unter der FCI geführten Zuchtverbände einschl. des Rückgangs an Ausstellungsmeldungen, entgegen dem Bedarf an neu anzuschaffenden Hunden. Gerne schmückt man sich stattdessen mit exotischen Mischungen. Auch dieser Trend wird sich wenden, denn Mischungen müssen mit noch größerer Sorgfalt durchgeführt werden, sollen sie familientaugliche Begleiter abgeben. Deshalb ist es bei den geplanten Auskreuzungsprojekten ja so wichtig, dass vor allem die Wesenseigenschaften passen müssen, die an der zu verbessernden Rasse geschätzt werden und das Aussehen zunächst eine untergeordnete Rolle spielen muss.
Rassezuchtvereine – wacht auf!
Es gibt Rassezuchtvereine im VDH, die hervorragende Arbeit für ihre Rassen leisten. Und es gibt genetisch gut aufgestellte Rassen. Aber leider längst nicht alle. Es wäre schon ein erster großer Schritt, wenn alle Rassezuchtvereine mit ihren Richtern, Züchtern und wissenschaftlicher Begleitung (Genetikern, Tierärzten) ihre Rassen auf den Prüfstein stellten und sich der Probleme aktiv in Zucht und Ausstellung annähmen und ihre Zuchtordnungen gründlich überarbeiteten. Ergäbe sich die Notwendigkeit eines Auskreuzungsprojektes, dann sollte man sich offen der Aufgabe stellen. Es wird ja niemand gezwungen daran teilzunehmen. Und es kommen nur Hunde nach einigen Generationen wieder in den Genpool der Rasse, die genetische Vielfalt und verlorene Merkmale einbringen. Auch wenn mal ein „Standardmakel-Rückschlag“ auftauchen sollte – als ob nicht unter den reingezogenen Hunden genug Mängel aufträten, die eine Zuchtzulassung verhindern (und sollten es nur „kosmetische“ Merkmale wie Farbe und Zeichnung sein). Es ist kein gutes Zeichen, wenn sich die Welpen heute wie ein Ei dem anderen ähneln, sondern eher ein Hinweis auf genetische Verarmung. Ich erinnere mich noch gut, als man glücklich über EINEN für die Show gelungenen Welpen im Wurf war.
Die Käufer jedenfalls werden nicht vor den „Projektwelpen“ zurückschrecken, ganz im Gegenteil, die Zeit könnte nicht besser dafür sein.
Und – liebe Funktionäre der VDH-Rassezuchtvereine – wollt Ihr Euch wirklich die Rassehundezucht aus der Hand nehmen lassen, weil Züchter, die zu Änderungen bereit sind, Euch den Rücken kehren müssen?
Schönheit liegt im Auge des Betrachters – Gesundheit und Wesen jedoch bestimmen das Leben!