Der Aidi oder Atlas-Berghund

Als ich in den 1980/90er Jahren Kontakt zu einer Familie mit marokkanischen Wurzeln bekam, erwartete mich eine große Überraschung. Kleine Bemerkung am Rande: Kein Internet, keine Email, keine Social Media, nur Festnetztelefon… und Post, natürlich. Ich staune heute noch, was ich alles ausfindig machen konnte! Aufgrund meiner Publikationen wurde ich oft kontaktiert von Leuten, die glaubten einen interessanten Hund zu haben. Dieser Herr jedenfalls berichtete, er besitze zwei Aidis aus Marokko – und nichts konnte mich aufhalten Richtung Frankfurt am Main zu fahren.

Ich stellte mich auf einen starken Hirtenhundtyp ein und traute meinen Augen nicht, als mir zwei mittelgroße, schlanke Hunde entgegenkamen. Der Rüde erinnerte mich sofort an einen Border Collie. Man konnte mir aber glaubwürdig versichern, dass die Hunde als typische Aidis aus dem Atlasgebirge im Norden Marokkos kamen. Man brauche dort keine großen, starken Hunde, da es keine Wölfe sondern nur Schakale gäbe, mit den diese Hunde locker umgehen konnten. 

Ich durfte viel Zeit mit den Atlas-Berghunden verbringen. Vom Verhalten her waren es tatsächlich echte Herdenschützer. In Anwesenheit der Besitzer konnte ich mich frei auf dem Grundstück bewegen, sie suchten jedoch keinen Kontakt. Allerdings verhalte ich mich vollkommen neutral, damit mir die Hunde beim Fotografieren keine unnötige Aufmerksamkeit schenken. Das Grundstück selbst verteidigten sie kompromisslos. Und das endete keineswegs am eigenen Gartenzaun. Hundebegegnungen in unmittelbarer Nähe und auf gewohnten Wegen waren schwierig. In völlig fremder Umgebung verhielten sich die Aidis jedoch neutral bis zurückhaltend und man konnte ohne Probleme mit ihnen in der Frankfurter Innenstadt gehen. 

Was aus den Hunden wurde, erinnere ich nicht mehr. Eine Zucht wollte man jedoch nicht aufbauen, da schon klar war, dass solche Hunde in unserer Umwelt schwierig sind. Die Besitzer selbst waren sehr hundeerfahren und glücklich mit den intelligenten und in der Familie angenehmen Hunde. 

Später sah ich nochmals Aidis auf den Welthundeausstellungen, die etwas anders aussahen, aber zum Teil auch eher ängstlich wirkten. 

Das ist wieder einmal ein gutes Beispiel dafür, wie unterschiedlich die alten Landschläge aussehen können, denn sie wurden nie nach Aussehen gezüchtet. Vielmehr entwickelten sich regional unterschiedliche Typen, aus den unterschiedlichsten Gründen. In abgeschiedenen Regionen dürfte Inzucht an der Tagesordnung gewesen sein, da sich Hunde aber ohne Eingreifen des Menschen vermehrten und Tierärzte kein Begriff waren, überlebten nur die Fittesten und es erfolgte somit eine Selektion auf Fitness. Wurde das Maß überschritten und eine Inzuchtdepression trat ein, starb der Stamm eben aus und man holte sich von irgendwoher neue Hunde. 

Für mich ganz besonders interessant war der deutliche „Collietypus“. Verfolgt man die Geschichte der Schafzucht, nämlich dass die Merinoschafe aus Nordafrika mit den Berbern kommend in Spanien kultiviert und im 18. Jahrhundert wegen ihrer hohen Wollqualität über ganz Europa verteilt wurden, wird vieles klar. Mit den Schafen kamen immer die Hunde, die sich mit Hunden, denen sie auf der Wanderschaft und in ihrer neuen Heimat begegneten, vermischten. So sehe ich durchaus einen Grundtyp der Collies in diesen Hunden, die in Großbritannien auf die Hunde stießen, die einst die Skandinavier mit auf die Insel gebracht hatten. 

WHA 2003 N’Sour de la Baie de l‘Aunis Franz. Ch., LOF 062/021 geb. 2.10.1997 (Jirhoud de la Baume Cromagnon-Tiznit des Hamadates de Merzougial). 
WHA Herning 2010 Derar du Doggenhagen 24.4.08 (Ch. Ouzro de la Baume Cromagnon-Ch. Udfel d’Araval) ZuE. Thiercy

FCI-Aidi-Standard