Fragen Sie mich nicht, wie ich jemals an Adressen seltener Hunderassen kam. Meist aus Ausstellungskatalogen oder nach irgendwelchen Hinweisen und aufwändiger Recherche – ohne WWW! Jedenfalls war ich ständig auf der Suche nach seltenen Rassen. Wichtig war mir jedoch stets, Hunde und deren Menschen persönlich kennenzulernen, was mir wertvolle Einblicke in die Rassen verschaffte, vor allen Dingen in Bezug auf ihre Eigenschaften und nicht nur das Aussehen. Daraus ergaben sich interessante Artikel für Hundezeitschriften, damals Anfang der 1980er Jahre unter dem Motto „Hundewelt auf Reisen“ in der „Hundewelt“, die noch nicht einmal am Kiosk, sondern nur im Abonnement zu kaufen war. Es war zu teuer, eine Hundezeitung in Kiosks in Umlauf zu bringen!
Heute mögen meine Berichte nicht mehr auf aktuellstem Stand, die Ausdrucksweise veraltet und Begrifflichkeiten überholt sein, aber es schadet nie zurück zu blicken. Die Vergangenheit ist die Basis von heute.
Jedenfalls war damals meine Aufregung groß, als ich die Tosa Inus von Prof. Hermann Heuser besuchen durfte. Lese ich nach so langer Zeit den Bericht, dann fallen mir noch ein paar Details ein. Prof. Heuser hatte ein dickes, großes, hauptsächlich aus Bildern bestehendes Buch aus Japan, das die erfolgreichsten Kampfhunde mit ihren Besitzern, Schärpen und Auszeichnungen, direkt nach dem Kampf zeigte. Auch Bilder von den Kämpfen. Die Hunde waren nicht zerbissen, es ging hier nur um Überlegenheit, nicht um blutige Auseinandersetzungen. Prof. Heuser verglich sie eher mit Sumoringern.
Jahre später wurde mein KOSMOS Hundeführer ins Japanische übersetzt, wo er zum großen Erfolg in mehreren Auflagen wurde. Nun hatte ich Kontakte nach Japan in Hundekreise und bemühte mich um aktuelle Informationen zum Tosa. Die Reaktion der ansonsten ungemein freundlichen und hilfsbereiten Japaner verblüffte mich. Meine Anfrage schien einer Beleidigung gleich – überhaupt anzunehmen, man könnte etwas über diese Hunde wissen…
Tosa Inu aus Japan

Die Hundewelt vom März 1983
Deutschlands Hundefreunde sind um eine kynologische Rarität reicher. Dank der sich über sechs Jahre erstreckenden Bemühungen gelang es Prof. Heuser ein Pärchen der außerhalb Japans fast unbekannten Hunde nach Deutschland zu bringen.
Kampfhund aus dem Fernen Osten
Der Tosa wird heute noch in Japan für Hundekämpfe gezüchtet. Kampfhunde diese Art soll es schon vor 500 Jahren hauptsächlich in der Provinz Shikoku gegeben haben. Seit etwa 90 Jahren werden Hundekämpfe als öffentliche Attraktionen organisiert, ein regelrechter Kult hat sich um sie entwickelt. Seitdem galt das Bemühen der Züchter immer besseren und kampfstärkeren Hunden. Man kreuzte alle möglichen europäischen Hunde wie zum Beispiel das English Mastiff, Bernhardiner, Bull Terrier und Deutsche Dogge ein. Mancher Japaner betrachtet die Tosas geringschätzig als Bastarde. Tatsächlich kann man den reinrassig gezüchteten Hunden gelegentlich noch das eine oder andere Erbe ansehen, denn nicht auf Schönheit, sondern auf Kampfstärke kommt es an. Die Tosas werden von ihren Familien als besonders kostbarer Besitz hoch geschätzt und bestens gepflegt. Die erfolgreichsten Kampfhunde stellen sich stets mit der gesamten Familie für ein Starfoto der Presse. Die Hunde werden zu diesem Anlass festlich mit seidenen Bändern und Schärpen geschmückt und von den beiden stärksten Männern an zwei dicken, bunten Wollleinen geführt.

Der moderne Tosa hat eine Schulterhöhe von etwa 70 cm und wiegt gut 100 kg. Er ähnelt dem English Mastiff, ist aber wesentlich behender, geschmeidiger und überraschend gewandt für seine Größe und sein Gewicht.
Diese Daten besaß auch Professor Heuser. Gesehen hatte er allerdings einen solchen Hund noch nie. Er versprach sich jedoch, da die Tosas in Japan ausschließlich zum Kampf gezüchtet werden, also im Gegensatz zu den meisten anderen Hunderassen noch den Zweck erfüllen, zu dem sie geschaffen wurden, einen robusten, widerstandsfähigen Hund, dessen Zucht einer sorgfältigen Auslese auf Gesundheit und Vitalität unterlegen ist. Prof. Heuser sollte nicht enttäuscht werden, als er im August 1980 Taro und Hanako im Alter von drei Monaten in Empfang nehmen durfte.
Hört man als Laie von einem Kampfhund, stellt man sich einen bissigen, gefährlichen Hund vor, der nur in einem sicheren Zwinger gehalten und von einer Respektsperson betreut werden kann. Viele halten Kampfhunde für einen super Bull Terrier, der wie eine Waffe auf Kommando losgeht und den Hundebesitzer unbesiegbar erscheinen lässt. Möglichst sollte so ein Hund seinem Herrn völlig untertan sein und sich benutzen lassen, wann immer er es wünscht, aber ganz das Gegenteil ist beim Tosa der Fall.
Man behandle die Tiere würdig und freundlich
Der Züchter von Taro und Hanako gab den beiden Welpen nur einen Satz mit auf dem Weg: „Man behandle die Tiere würdig und freundlich“. Das sagt im Grunde alles über den Charakter der Tosas aus, aber auch über die hohe Einschätzung der Japaner für ihre Hunde.

Würdig und freundlich sind die beiden Tosas, würdig und freundlich wollen sie behandelt werden. Beachtet man diese Regel, ist der Umgang mit dem großen Hund problemlos. Menschen gegenüber ist der Tosa freundlich, nicht aufdringlich, aber keineswegs angriffslustig. Dennoch würde ich keinem raten, einem Tosa zu nahe zu kommen, wenn sein Herr nicht dabei ist. Denn der Tosa besitzt einen ausgeprägtem Schutztrieb. Doch unterscheidet dieser Hund sehr genau und scheint ein untrügliches Gefühl dafür zu haben, mit welchen Absichten Menschen oder auch fremde Hunde ihm gegenübertreten. Eine Begebenheit als Beispiel: Die kleine Tochter von den Hunden unbekannten Freunden des Hauses suchte sich beim Versteckenspielen ausgerechnet die im geschlossenen Zwinger stehende Hundehütte von Taro und Hanako aus. Die Hunde betrachteten das Mädchen nicht als böswilligen Eindringling. Sie spürten, dass es völlig ahnungslos den Zwinger betreten hatte.
Der Tosa wird nur böse, wenn er herausgefordert wird, so greift er beim Spaziergang von sich aus keinen Hund an, aber wehe, es wagt einer ihn anzuknurren, dann bricht das Kampfhunderbe durch. Dennoch kämpft er nicht blindwütig, wie man es von Bull Terriern kennt, die sich im Kampf kaum mehr beeinflussen lassen. Der Tosa kämpft, bis sich der Unterlegene ergibt. Als Hanako erwachsen wurde, galt es ihre Voranstellung unter den Zwingergenossen, einer Karelischen Bärenhündin, einer amerikanischen Pitbull Terrier Hündin und einer Bullterrier-Riesenschnauzer Mischlingshündin durchzusetzen. Nach einigen unblutigen Auseinandersetzungen war Hanako fortan Meuteführerin.
Würdig und freundlich soll auch die Erziehung eines Tosa sein. Sobald er verstanden hat, und der Tosa begreift schnell, was man von ihm möchte, führt er das Gelernte rasch und freudig aus. Bedrängt man den Tosa mit roher Gewalt, so wird er stur oder wenn es zu schlimm wird, auch aggressiv. Das Schlimmste daran aber ist, dass das gute Verhältnis zu seinem Herrn, um das der Tosa stets bemüht ist, gebrochen wird. Ohne die innere Bindung zum Herrn ist der Tosa schwer lenkbar, der gemeinsame Draht zerschnitten, das Besondere am Tosa verloren gegangen.
Wie ein guter Freund
Obwohl der Tosa den Menschen bedingungslos als Rudelführer anerkennt, ist er nicht unterwürfig. Man kann ihn mit einem guten Freund vergleichen, der jederzeit bereit ist, einen Gefallen zu tun, auch wenn er nicht ins eigene Konzept passt. Kindern ist der Tosa ein rücksichtsvoller Begleiter und Beschützer. Trotz seiner Kraft und Größe und dazu erstaunlichen Schnelligkeit rennt er nie einen Menschen um. Ausgeprägten Jagdtrieb besitzt der Tosa nicht. Man kann ihn daher gut auf ausgedehnte Waldläufe mitnehmen, denn er liebt viel Bewegung. Ohne zu ermüden traben Taro und Hanaku 8-12 km im Gelände mit.

Die Haltung des Tosas ist einfach, sein wetterbeständiges kurzes dichtes Fell erlaubt unbeschadeten Aufenthalt im Freien. Im Hause ist er angenehm ruhig und meldet mit einem kurzen Wuff, wenn jemand ans Haus herankommt. Für seine Größe ist er bescheiden im Futter. Prof. Heuser füttert Mischfleisch und ungewaschenen Pansen. Zwischendurch nehmen die beiden gerne Trockenfutter an. Gelegentliches Striegeln hält sie sauber und gepflegt.
Anfang 1982 hatte Hanaku zehn Welpen von Taro, die sie mühelos aufzog. Obwohl es bislang in Deutschland keine Tosas gab, hat die Rasse doch in Hundekennerkreisen einen solch guten Ruf, dass alle zehn Welpen in liebevolle Familien untergebracht werden konnten. Einige Interessenten mussten abgewiesen werden, weil sie sich falsche Vorstellungen gemacht hatten und Prof. Heuser sehr bemüht war seine Welpen nur Leuten anzuvertrauen, die den Rat ihrer Züchter befolgen wollten: „Behandle sie würdig und freundlich“.
Die Verbindung von Selbstbewusstsein und treuer Ergebenheit zum Herrn, Kraft und Sportlichkeit hatte sich Prof. Heuser von den großen Hunden aus Japan erhofft – zwei Freunde sind gekommen, die er nie mehr missen möchte.
Tatsächlich fallen gelegentlich Welpen im VDH. Betreut wird der Tosa vom Club für Molosser e.V. Laut deren Angaben züchtete Prof. Hermann Heuser insgesamt 34 Welpen. In den 1990er Jahren wurden Hunde aus den USA importiert. FCI-Standard.
Copyright Eva-Maria Krämer