Die altdeutschen Hütehunde wurden eigentlich erst nach der Wende Anfang der 1990er Jahre zum Begriff. In der DDR wurde die Schafzucht gefördert und die Hütehunde, anders als in der BRD, mit Stammbuch gezüchtet. Wenn ich hierzulande einen Schäfer nach seinem Hund fragte, wurde ich nur verständnislos angeschaut: Das ist ein Mischling. Das passte nun so gar nicht in meine Vorstellungswelt und ich hakte nach. Woher haben Sie ihn denn? Aus dem Tierheim? Ja er habe auch schon Hunde aus dem Tierheim übernommen. Aber meist wandern die Welpen von Schäfer zu Schäfer, wenn man Nachwuchs braucht. Glauben Sie mir, ich habe jeden Wanderschäfer angesprochen. Ich wunderte mich, dass man nicht in Landschlägen und Rassen dachte. Heute ist mir natürlich klar, dass die Zucht rein nach Leistungsmerkmalen ohne Rassebegriff erfolgte. Typen mögen sich regional ergeben haben, die später, als man sich auch in der BRD für die altdeutschen Hütehunde interessierte, benannt wurden. Aber da ich Berti, den Schäfer aus unserem Heimatdorf im Thüringer Wald mit seinen altendeutschen Hütehunden zu DDR-Zeiten kennengelernt hatte, wusste ich, dass man dort die Hunde anders betrachtet. Da mich das Thema Hütehunde von Jugend an faszinierte und inspiriert durch Berti, behielt ich die „altdeutschen“ im Auge. Besonders spannend fand ich die Geschichte von Kurt Stahl und seinen Westerwälder Kuhhunden. Ich weiß nicht mehr, wer mir von ihm erzählte. Er war jedenfalls sofort bereit, seine Hunde für die Reportage vorzustellen und nahm sich viel Zeit, uns an seiner Erfahrung teilhaben zu lassen. Ich lernte in Kurt Stahl einen humorvollen, liebevoll mit seinen Hunden umgehenden Fachmann mit Leib und Seele kennen.
Meine Reportage aus „der Hundewelt“ vom September 1992

Viele Westerwälder kennen den Hund, aber die wenigsten haben jemals vom Westerwälder Kuhhund gehört. Je nach Region, in der ein solcher Hütehundetyp arbeitet, wird er Siegerländer altdeutsche Hirtenhund genannt. Im Harz kennt man ihn als Harzer Fuchs. Der meist rotbraune Hund ist einfarbig, mit oder ohne dunkle Maske, es kommen weiße Blesse, Brust und Beine vor. Die Ohren sind meist gekippt, dürfen aber auch tiefer hängen oder stehen. Der gedrungene Kopf hat einen mittleren Stopp in (Stirnabsatz). Das Gesicht ist kurz behaart, am Körper ist das Fell ist länger gewellt und bildet an der Rückseite der Läufe Federn beziehungsweise Hosen, die Rute ist lang behaart. Die Schulterhöhe beträgt circa 50 cm. Auf besondere Rassenmerkmale wurde nie gezüchtet. Es war auch nicht möglich, andere Rassen einzukreuzen, da dadurch zu 90 % die angeborene Veranlagung zum Kühe hüten verloren ging. Die Kreuzungsprodukte konnten nur noch zum Schafe hüten, Schweine treiben oder als Wachhund verwendet werden. Daher waren die Kuhhirten seit alters her auf strengste Reinzucht angewiesen. Allein aus diesem Grunde darf er als der reinste altdeutsche Hütehund gelten, den es heute noch gibt.
Bis 1980 unverzichtbarer Hütehund
Bis noch vor wenigen Jahrzehnten betrieben die Bauern in diesen kärglichen Gebieten eine vielseitige Landwirtschaft, die zwar nichts im Überfluss, aber alles, was der Bauer zum Leben brauchte, lieferte. Jede Gemeinde hatte Gemeindeweideland, auf dem die Rinder oder Schafe der Bauern gemeinsam von einem berufsmäßigen Hirten gehütet und betreut wurden. Morgens sammelte der Hirte Trompete blasend das Vieh im Dorf ein. Über lange Triften zog er mit der Herde zu den nicht eingezäunten Viehweiden. Der Hund trieb die Herde, hielt sie zusammen, wehrte vom bebauten Ackerland, verhinderte Tiere am Ausbrechen und brachte das Vieh abends ohne Schaden wieder nach Hause. Bis nach dem 2. Weltkrieg hatte jedes Dorf im Hohen Westerwald eine Gemeinschaftsweide mit Herden bis zur 500 Kühen. Dieses System der Urväter war besonders rationell. Der Einsatz eines Kuhhirten mit zwei Hunden war wirtschaftlicher, entlastete den Bauern und sparte Kosten für teure Weidezäune. Außerdem fraßen beim offenen Hüten die Kühe besser, was die Milchleistung erhöhte. Allmählich wurde die Klein-Landwirtschaft in den Höhengebieten immer unrentabler und die Herden schrumpften. 1980 verabschiedete sich der letzte aktive Kuhhirt des Westerwalds. Das typische Westerwälder Rind verschwand. Mit dem Ausscheiden des letzten Kuhhirten war auch die reine altdeutsche Hirtenhunderasse in ihrem Fortbestand gefährdet. Drei der letzten Kuhhirten erschossen ihre Hunde bei Berufsaufgabe, weil sie der Meinung waren, dass es ohne sie auch diese guten Hunde nicht mehr geben sollte.

Mit Westerwälder Kuhhunden aufgewachsen
Das Aussterben dieser Hunde wäre ein nicht wieder gut zu machender Verlust, denn der Westerwälder Kuhhund zeichnet sich durch Hüteinstinkt, Durchsetzungsvermögen, Interesse an Tieren, Treue und ausgeprägtem Schutztrieb aus. Dieser Hund ist für Vieh treibende Landwirte und Schäfer nach entsprechender Ausbildung eine große Hilfe.

Kurt Stahl war mit diesen Hunden aufgewachsen. Er hatte ein besonders geschicktes Händchen im Umgang mit den Tieren und half den Hirten bei der Ausbildung der Junghunde. Seine große Stärke war das treffsichere Werfen von kleinen Steinchen. Er konnte so die Hunde auch auf Entfernung bei der Arbeit korrigieren, ohne dass sie verletzt wurden oder die Strafe auf den Hirten bezogen. Man sollte vielleicht hierzu noch ein paar Worte verlieren. Hunde sind überall auf der Welt, wo sie zum Broterwerb ihrer Menschen beitragen, Arbeitsmittel. Man hält sie nicht aus Freude. Wo der Mensch sein kärgliches Dasein fristet, kann er seinem Hund keinen Luxus bieten. Er wird ihn unterhalten, soweit er ihn zur Arbeit braucht. Nicht jeder Mensch aber kann gleich gut und verständnisvoll mit Tieren umgehen oder gar einen jungen Hund heranbilden. Die Tiere mussten neben der harten Tagesarbeit oft auch grobe, verständnislose Behandlung hinnehmen. Ein gut ausgebildeter Hund, der funktioniert, hat es natürlich leichter als einer der mangels Ausbildung Fehler macht. Eine konsequente Ausbildung erleichterte den Hunden das Leben erheblich. Kurt Stahl wurde erwachsen, das Interesse an den Hunden schwand, bis er selbst heranwachsende Kinder hatte. Er erinnerte sich an seine Jugend, als die rotbraunen Hunde für ihn Kameraden und Beschützer zugleich waren und besorgte sich bei den Hirten der Umgebung die Hündin „Wacker“. Das war im Jahre 1955. Sie und später Lotti wurden die Stammmütter der Stahlschen Hundezucht.

Rettung in letzter Minute
Mit Sorge sah er die Entwicklung der Landwirtschaft und die immer bedeutungslosere Rinderzucht im Westerwald und Siegerland. Er kaufte die letzten wenigen reinrassigen Hunde auf, züchtete bildete die jungen Hunde in den Grundregeln aus und gab sie wieder ein Schaf- und Rinderzüchter ab. Aufgrund von Zuchtvorbehalt-Vereinbarungen konnte er die Hunde zur Zucht heranziehen und gesunde Stämme aufbauen. Er selbst hält jeweils höchstens zwei Hunde, um die er sich intensiv kümmern kann. Welpen sind deshalb nicht immer zu haben. Kurt Stahl versuchte im Harz Hunde zu bekommen. Doch auf der westlichen Seite gab es keine reinrassigen Harzer Füchse mehr. Mit Öffnung der Grenzen jedoch konnte der Austausch von reinrassigen Zuchthunden erfolgen.
Vielseitiger Arbeitshund
Wir hatten das seltene Glück einen Westerwälder Kuhhund bei der Arbeit zu sehen, der nur die Grundausbildung genossen und noch nie selbstständig gearbeitet hatte. Lotti hatte zudem fünf entzückende acht Wochen alte Welpen zu Hause, aber sie schien den Ausflug in vollen Zügen zu genießen. Wir besuchten die Schafherde, die der Vater ihrer Welpen Mohr betreute. Diesen Rüden rettete Kurt Stahl nach einem trostlosen, fünfjährigen Leben an einer kurzen Kette. Nach nur einem Monat Ausbildung konnte er ihn weitergeben. Die zweijährige Lotti nahm die Schafe an, als habe sie ihr Leben lang nichts anderes gemacht. Sie befolgte die Kommandos „Kommen, Nein, Pfui, Zurück, Bleib, geh fort“ aufs Wort und Kurt Stahl konnte auf diese Weise die Herde mit dem noch

vollkommen rohen Hund bequem hüten. Dass Lotti eigentlich ein Kuhhund ist erlebten wir, als sie der ersten Kuhherde ihres Lebens gegenübertrat. Äußerst aufmerksam arbeitete sie mit viel mehr Elan als bei den Schafen. Die jungen Bullen formierten sich in einer Reihe und beäugten neugierig den Hund. Einer trat mutig hervor und stellte sich mit gesenktem Kopf. Lotti schoss sofort vor und wehrte den Bullen ab. Das hatte ihr niemand beigebracht. Lotti war ebenfalls ein geretteter Hund. Ihr Besitzer hatte sie mit Prügel zu erziehen versucht und natürlich nichts anderes erreicht, als einen scheuen, unsicheren Hund, der für die Arbeit untauglich geworden war. In einem Jahr war es Kurt Stahl gelungen aus Lotti einen freien, fröhlichen, arbeitsfreudigen, gehorsamen Hund zu machen, der unsere Herzen im Sturm eroberte.
Liebevoll konsequente Erziehung des Junghundes
Kurt Stahl erzählte uns ein wenig über seine Erziehungsmethoden. Sein Motto ist: Die Erziehung muss wie bei allen Lebewesen auf etwa 90 % angenehmen Erfahrungen und je nach Hartnäckigkeit auf circa 10 % unangenehmen Erfahrungen aufbauen = mit angenehmen Erfahrungen kann man etwas lernen, mit unangenehmen Erfahrungen etwas abgewöhnen Voraussetzung ist das Urvertrauen zwischen Herrn und Hund.

Man baut es schon beim Welpen nur mit Liebe, Spielen, Streicheln und Leckerbissen auf mit Fütterungsbeginn. In der dritten Woche lernt der Welpe das Kommando „komm“, „nein“ oder „Pfui“ auf sanfte Weise und er wird mit den Worten „zurück bleib“ und „geh fort“ vertraut. Jeder Welpe wird täglich einzeln hochgehoben, geschmust und zum Spiel außerhalb seines gewohnten Bereiches aufgefordert. Von der siebten bis zur zwölften Woche macht jeder Welpe eine Scheu- und Angstperiode durch. Er übersteht sie nur, wenn das Urvertrauen zu Menschen besteht und er in dieser Zeit besonders vorsichtig und liebevoll behandelt wird. Mit zwölf Wochen erwacht die Lernfreude. Jetzt lernt er besonders leicht und vergisst das Gelernte nicht mehr. Ab der 13. bis 16. Wochen beginnt das Teenageralter und damit der Ernst der Erziehung. Durfte man den Welpen bisher niemals strafen oder unter Druck setzen, muss man jetzt durchgreifen, wenn er nicht hört. Versäumt man sich bis zur zwölften Woche mit dem Hund spielerisch zu befassen, wird er später schlechter lernen. Er wird nun an Hühner, Lämmer usw. herangeführt. Hört er nicht und packt ein Huhn, wird laut geschimpft, der Hund am Nackenfell gepackt, hochgehoben und geschüttelt, immer angemessen der Veranlagung des Hundes. Manche bedürfen nur geringe Andeutungen einer Strafe, und manche verlangen eine gute Portion Durchsetzungsvermögen. Wichtig ist, dass die Strafe unmittelbar auf den Fuß folgt, sonst versteht sie der Hund nicht. Versteht der Hund, warum er gestraft wurde, zeigt er keine Angst. Begreift er nicht, wird er scheu und unsicher.

Die Arbeit beginnt
In den nächsten Monaten bereitet man den jungen Hund auf seine Hütearbeit vor. Zunächst ohne Tiere. Die Grundkommandos beherrscht der Hund bereits. Mit dem Kommando „Furche“ geht man zunächst mit dem angeleinten Hund in der Furche zwischen Weide und Acker, bis der Hund den Begriff verstanden hat. Weiter lernt er das Kommando „raus“. Läuft er nach Wunsch in jede beliebige Richtung in der Furche, beginnt die Arbeit mit den Tieren. Man verhindert so, dass der Hund voller Eifer in die Herde schießt und die Tiere verängstigt. Auch das Beißen muss gelernt sein. Der Hund soll auf Kommando zupacken und auslassen, wenn ein Rind oder Schaf getrieben werden soll, nicht reißen, sondern kneifen.

Körperliche Auslastung notwendig
Wichtig ist den Hund körperlich auszulasten. D.h. er muss täglich rechtschaffen müde sein, darf aber nicht überfordert werden. Ein unausgelasteter Hund konzentriert sich nicht auf seinen Herrn, er will nur toben und laufen. Alles in allem dauert es zwei Jahre, bis ein gut veranlagter Hund zuverlässig arbeitet. Ein Lehrling braucht drei Jahre, um seine Berufsausbildung zu beenden. Kurt Stahl züchtet seine Hunde nur nach Bedarf. Die ausgeprägte angeborene Arbeitsveranlagung veranlasst ihn, die Zucht des Westerwälder Kuhhundes nicht aufzugeben. Inzwischen helfen ihm interessierte Freunde bei dieser Aufgabe
Der Westerwälder Kuhhund ein Haus- und Familienhund?
Aufgrund der angeborenen Hüteveranlagung sind die Hunde bei aller Lernfreudigkeit und Intelligenz, oder vielleicht gerade deswegen, nicht leicht zu erziehen. Vor allen Dingen müssen sie ihren Bewegungsdrang ausleben können. Unausgelastete Arbeitshunde jeder Rasse sind selten brauchbare Familienhunde. Der Hund ist zwar ein idealer Familienhund, was seine Anhänglichkeit und seinen angeborenen Schutztrieb angeht. Die meisten Westerwälder Kuhhunde werden bei Bedrohung ihrer Angehörigen – oft auch ohne Kommando – aktiv, wobei durch das Kneifen und Drücken meistens keine blutenden Wunden entstehen. Auch mit Kindern versteht er sich hervorragend, aber er braucht eine Aufgabe, Beschäftigung, viel Auslauf und eine konsequente Erziehung. Mit einem normalen Familienleben ist dieser Hund nicht ausgelastet. Wer sich nicht scheut, einem Bullen entgegenzutreten und ihn in die Schranke zu verweisen, lässt sich auch von Menschen nicht gängeln. Liebevoll und konsequent muss die Erziehung sein, sonst geht es nicht gut. Der Hund setzt sich mit seinen Zähnen durch und wird als bissig abgeschoben. Kurt Stahl hat schon einige falsch behandelte, scheinbar verdorbene Hunde aus seiner Zucht zurückgenommen. Alle konnte er bisher in kurzer Zeit zu umgänglichen, ausgeglichenen Hausgenossen und brauchbaren Hütehunden heranziehen.

Sorgfältige Zuchtauswahl
Aufgrund der sorgfältigen Auswahl der Zuchttiere erhielt sich ein gesunder, genügsamer und überaus leistungsfähiger Hund. Er ist zur Arbeit in Boxenlaufställen, mit Weidebullen, Mutterkühen, Schafen und Ponys, Pferden oder Schwein gleichermaßen geeignet. In der Bullenhaltung sind die Hunde besonders nützlich, da sie ihren Herrn bei Angriffen schützen. Der Griff ist Drücken am Hinterlauf des Rindes. Dabei verletzen sie weder Euter noch Schwänze. Sie haben ein enormes Durchsetzungsvermögen und weichen Tritten sehr geschickt aus. Dieser hübsche Arbeitshund soll eine Zukunft haben. Er ist ein Stück Kulturgut unserer Heimat und darf nicht verschwinden wie so so viele wertvolle altdeutsche Schäferhunderassen. Wir hoffen, dass es Kurt Stahl gelingt, den kleinen, wendigen Hütehund mit dem klugen Gesicht, von dem es heute etwa 100 Exemplare gibt, zu erhalten, ohne dass ihn findige Hundezüchter aufgreifen und zu einer weiteren Nummer auf der Liste der an die 400 Hunderassen degradieren.
Copyright Eva-Maria Krämer
Betreut wird der Westerwälder von der AAH.
Danke für diesen wertvollen Artikel!
Wir hatten seit 2007 einen Kuhhund und nun wieder.
Wirklich sehr tolle Hunde! Wir haben auch zwei davon. Danke für die Zeitreise!