Als meine Eltern von ihrer ersten und einzigen Hundeschau zurückkamen, konnte ich nicht anders als ihren Bericht für die „Hundewelt“ 10/1985 aufzuschreiben.
Der Welt schönster Fox Terrier…
…gehört meinen Eltern. Kurz nach der Geburt wurde die kleine Hündin unter ihren fünf Geschwistern gezielt ausgesucht und mehrmals besucht – ja, man hatte die richtige Wahl getroffen. Zweifelsohne war Cindy der schönste Fox Terrier-Welpe, den ein Züchterauge je erblickt hatte. Mit Punkt acht Wochen kam sie ins Haus. Selbstredend wurde dem Fox Terrier Verband beigetreten, um sich anhand der Fachzeitschrift über alles Wissenswerte zu informieren. Mit größter Sorgfalt wurde Cindy aufgezogen. Vom ersten Tag an erfreute sie das Herz ihrer Lieben, machte nie etwas verkehrt und sorgte stets für Glück und Heiterkeit. Die absolute Narrenfreiheit, die sie im Hause auch ansonsten genießt tut ihrer Liebenswürdigkeit keinen Abbruch, denn wenn sie gehorchen muss, tut sie das ohne Murren.

Fachgerechtes Trimmen
Regelmäßig fuhr man die 100 km zum Züchter, damit die Hündin die perfekte Frisur bekam, auch wenn sie danach tagelang wie ein gerupftes Huhn, halb nackt und krank wirkte. Das war man seinem Rassehund schließlich schuldig. Cindy begeisterte das Herz eines jeden Hundefreundes, der diesem gepflegten und hübschen Fox begegnete. Der Besitzerstolz kannte keine Grenzen und der Hundegegner, der sich nicht von ihrem Charme bezirzen ließ (und das waren nur sehr wenige) wurde als persönlicher Feind betrachtet. Der Züchter bat eines Tages meine Eltern, Cindy auf einer Clubschau zu melden, denn er wollte eine Zuchtgruppe vorführen d.h. mindestens drei Tiere aus seiner Zucht gemeinsam in einer Gruppe antreten zu lassen. Die einheitlichste Gruppe trägt den Sieg davon.
Hund am Galgen
Als am großen Tag Cindy und ihre Begleiter auf dem Parkplatz des Ausstellungsgeländes ankamen, war sofort klar, dass Cindy heute den Vogel abschießen würde. Welchen Preis mag man wohl für den besten Hund der Show ausgesetzt haben? Meine Mutter schüttelte den Kopf. Was die Leute da an Fox Terrier aus den Autos holten und zugleich in Transportkäfige steckten, sah ganz anders aus als Cindy. Sie hatten nicht die schönen leuchtend rostroten und tief schwarzen Flecken auf rein weißen Grund wie Cindy, vielmehr waren sie von einheitlichem Grau. Auf dem Gelände fand man rasch den Platz des Züchters, der unter einem Sonnenschirm Trimmtisch, Stühle und Käfige aufgebaut hatte. Cindys Schwesterchen wurde gerade zurecht gemacht, so dass man Zeit hatte, sich umzuschauen. Was war denn das? Die eben noch so grauen Mäuse standen nun schmuck gekämmt auf den Tischen, den Kopf in der Schlinge am so genannten Galgen und prangten in den schönsten Farben – blütenweiß, strahlend rot, ebenholzschwarz. Nun musste Cindy daran glauben, obwohl eigentlich nicht einzusehen war, was an ihr noch hätte verschönert werden können. Auf den Tisch, Kopf in die Schlinge, Mutter brach es fast das Herz. Doch es sollte schlimmer kommen.
Farbtöpfe
Das Kämmen war ja noch harmlos, hier und da wurden ein paar Haare getrimmt, aber dann – eine Palette verschieden farbiger Schuhcreme – wie es schien – wurde ausgepackt und Cindys schöne bunte Flecken damit eingeschmiert, die weißen Fellpartien erhielten eine Kreideabreibung, damit das Haar noch drahtiger und noch weißer als Weiß blieb. Damit die Frisur hielt, wurde der ganze Hund tüchtig eingesprüht, bis alle Umstehenden niesen mussten. Mit gekonntem Griff unter den Kopf und am Schwanz wurde Cindy hochgehoben und in einen Käfig verfrachtet. Doch schneller als der Züchter gucken konnte, hatte meine Mutter ihr Hündchen an sich gerissen. In die Kiste? Den ganzen heißen Tag lang bis ganz zum Schluss die Gruppe dran war? Niemals – der Züchter wurde nervös. Die Frisur war hin, die so viel Mühe gekostet hatte. Einigermaßen unlustig warteten meine Eltern, das schockierte Tierchen auf dem Schoß tröstend, den weiteren Verlauf ab. Lohnte das ganze Theater für einen ersten Preis?
Nur ein „gut“
Es war soweit: „Jugendklasse Hündinnen, bitte in den Ring“. Der Züchter drückte meiner Mutter die hauchdünne Vorführleine, die eigens gekauft worden war und nun nicht mehr weiß, sondern am Hundehals rot-schwarz verschmiert war. „Was? Ich soll mit dem Hund in den Ring?“ Sie war empört, hatte sie doch angenommen, Cindy brauchte nur als Teil der Zuchtgruppe mitzuwirken. Also erbarmte sich der Züchter und zerrte eine sich nicht von Frauchen trennen wollende Cindy in den Ring. Dort hüpfte das verzweifelte Tierchen wie ein Gummiball auf und ab, nur eines im Sinn, möglichst rasch auf Frauchens Arm zu gelangen. Inzwischen waren meine Eltern nicht mehr ganz so siegesgewiss, nicht nur weil sich Cindy wie eine Verrückte gebärdete. Im Vergleich mit den anderen Hunden wirkte sie jedoch etwas „anders“, und es kam ihnen der Gedanke, dass Cindy vielleicht doch nicht so ideal war. In der Tat, Cindy war die letzte in der Reihe und bekam die Wertnote „gut“. Der einzige Hund der Schau, der mit einem „gut“ nach Hause ging, und nun stand das auch noch auf einer schwarzen Tafel angeschrieben – für alle Welt lesbar: Nummer 79 „gut“. Welch eine Demütigung für den wunderbarsten Hund der Welt! Ob Cindy nun den Idealen der Fox Terrier-Züchter entsprach oder nicht, spielte für meine Eltern keine Rolle. Warum aber waren sie zu der Schau genötigt worden? Hatte der Züchter nicht gesehen, dass Cindy kein vorzügliches Exemplar ihrer Rasse war? Gott sei Dank schien Cindy keinen seelischen Schaden davon getragen zu haben, und so wartete man den Zuchtgruppen-Wettstreit ab.
Drei von Drei
Drei Gruppen traten an, in den ersten beiden je drei entzückende Foxl, gemeinsam an dünnen Leinen vorgeführt, wie Porzellanfigürchen tänzelten sie dahin, welch ein herrliches Bild. Dagegen unsere Gruppe: Cindy, die Freundlichkeit zu Mensch und Tier in Person wurde in die Mitte gestellt, rechts und links die beiden Schwestern, die sich hassten und keine Gelegenheit ausließen sich zu beißen. Zwischen jedem Hund gut 1 m Abstand, damit nichts passiert – konnte man das überhaupt eine Gruppe nennen? Cindy hatte sich zwar soweit beruhigt, dass sie nun ordentlich lief, aber schön war das Ganze nicht: Dritter Preis.

Einmaliges Erlebnis
Für den besten Fox Terrier der Welt sollte dies ein einmaliges Erlebnis bleiben. Was hatte es eingebracht? Einen kleinen Erinnerungspokal mit Urkunde und ein Bad am Sonntagabend, um Farbe und Kreide schnellstens aus dem Feld zu kriegen. In Zukunft wird Cindy nur noch mäßig getrimmt und die Haut weniger geschunden, denn auf das Nachwachsen tief dunkler Fellpartien legt man ganz gewiss keinen Wert mehr. Im Wohnzimmer des Züchters prangt jedoch ein großer Pokal: Dritter Preis im Zuchtgruppen-Wettbewerb. Wer weiß denn schon, dass nur drei da waren?
Schnee von gestern…
Vieles hat sich inzwischen geändert. Trimmtische mit Hund am Galgen sind auf Ausstellungen verboten, ebenso das bei Terrierleuten übliche Hochheben an Kopf und Schwanz, einfärben oder reiden würde man heute wohl keinen Hund mehr im Blick der Öffentlichkeit. Aber das war damals üblich – ich vergesse nie, wie die Richterin im Colliering die Handflächen erhoben dem Publikum zeigte, nachdem sie den „schwarzen“ Collie abgetastet hatte – der übrigens einem Zuchtrichter gehörte und diese Manipulation inzwischen verboten worden war… oder in den USA vor 20 Jahren, als mir am 1. Tag alle tricolour Collies rotbraun erschienen und am Tage der Ausstellung kohlschwarz glänzten… An den Pflegetischen der Aussteller konnte man schrankartige Koffer bewundern, in denen Pflegeutensilien in Etagen untergebracht waren, einschließlich ganzer Galerien von Farbtöpfen… eine Colliehündin durfte ich sogar vor und nach dem Fertigmachen, einschl. Einfärben fotografieren. Mein englischer Begleiter, selbst Zuchtrichter und Züchter, fragte voller Empörung den anwesenden AKC-Funktionär und Colliezüchter, ob das wohl erlaubt sei. Die Antwort: Man geht ja auch nicht ungeschminkt zu einem Schönheitswettbewerb…
Alles Schnee von gestern, aber noch vor wenigen Jahren sah ich auf einer Kleinhundeschau, wie Chinese Crested nass rasiert wurden… im Eingangsbereich, wo jeder vorbeikam. Die Ausstellungsleitung zuckte nur mit den Schultern, „die kommen aus dem Ausland, wenn wir was sagen, kommen sie nicht wieder…“ Die wenigsten wissen, dass viele (alle?) Chinese Crested – von anderen haarlosen Hunden weiß ich das nicht – für die Ausstellung durch Rasur oder Enthaarung von Flaum befreit werden. Ich wundere mich nicht, wenn das Ausstellen von Hunden in Verruf gerät, weil einige wenige skrupellos handeln. Wohlgemerkt, ich besuche seit 60 Jahren Ausstellungen in aller Welt, besitze drei mehrfache deutsche und internationale Champions… stelle nach wie vor gerne aus, aber oft genug komme ich nach Hause und sage, ich möchte eigentlich nicht mehr dazu gehören!
EMK